K.H. STRIFFLER

Das Westerwaldhaus

Das Westerwaldhaus

Die Häuser der frühen Siedler mögen verständlicher­weise anfangs nur Holzbauten gewesen sein. Aus den natürlichen Gegebenheiten des Ackerbaues, des Wet­ters und den Baustoffen, die zur Verfügung standen, entwickelten sie einen besonderen, doch auch in der äußeren Form wiederum nicht einheitlichen Stil, das Westerwaldhaus. Besonders typisch für diese Häuser sind ihre lang herabgehenden Strohdächer, ihre innere Einteilung, sowie verschiedene Besonderheiten, auf die im einzelnen hier kurz eingegangen werden soll.

Möglichst alles unter einem Dach, das wurde zumin­dest da, wo es möglich war, auch durchgeführt. Bilder von einigen solcher Häuser, die die verschiedenen Bautypen zeigen, wurden uns freundlicherweise von Herrn Walter Baumann, Herborn, zur Verfügung ge­stellt, „Gehannjuste“ Haus in Hohenroth, je ein wei­teres in Roth, Rabenscheid und Rehe. Alle mußten ei­ner moderneren Zeit Platz machen. Die gekreuzten Pferdeköpfe auf dem Rabenscheider Haus könnten ein Beweis dafür sein, daß das Westerwälder Haus seine Urform im hessisch-fränkischen Haus hat. Es ist übrigens auffallend, daß im Gegensatz zu anderen umliegenden Gebieten das Westerwälder Bauernhaus auf fast jeden Ausdruck von Kunst oder besonderen Aufwand, fast möchte man sagen auch Annehmlich­keiten verzichtet. Alles ist auf Sparsamkeit, Einfach­heit, d. h. sicheres Hochkommen angelegt. Kunstvoll verzierte Balken, Sinnsprüche oder Verzierungen im äußeren Putz finden wir im Gegensatz zu anderen Ge­bieten kaum. Insbesondere die langen und harten Winter haben die Bauweise, d. h. ihre äußere Form stark beeinflußt, wohl auch mit gutem Recht.

„Gehannjuste Haus“ in Hohenroth

Unter einem Dach, das auf der Wetter = Woostseite bis auf kaum zwei Meter über die Erdoberfläche hin­ab reichte und mit Stroh gedeckt war, spielte sich den langen Winter über alles Leben und Treiben der Fami­lie ab. Als Wohnfläche begnügte man sich mit etwa ei­nem Drittel der Gesamtfläche, während das Übrige in Stallungen und Scheune aufgeteilt war. Eine Stufe vor der oft waagrecht zweigeteilten Haustür führte in den Ern, dessen hinterer Teil gleichzeitig als Küche diente. Vom Ern aus ging eine Treppe nach oben, eine Tür zur Stube, eine zum Stall, eine zum Keller. Letztere war oft eine Falltür.

Die Einrichtung der Küche waren ein gemauerter Herd, Kessel, Eimer- oder Schosselbank, vielleicht noch eine Bank und Tisch. Der Fußboden war mit Steinplatten ausgelegt, die es hier in ausreichender Menge gab. Ebenso schlicht und bescheiden war na­türlich auch die Wohnstube (Stohb). Sie ging an der Giebelseite quer durchs ganze Haus, war kaum höher als zwei Meter und lag in der Regel ein oder zwei Stu­fen höher als der Ern, denn unter ihr war noch der Keller. Eine Eckbank, meist ohne Lehne, mit dem Tisch, in dessen zwei Schubladen das Eßgeschirr, wie Messer, Gabeln und Tassen ihren Platz hatte, standen an der Fensterseite. In der Ecke über der Bank ein „Eckschaft“ mit Bibel, Gesangbuch und Gebetbuch, eine Pendeluhr mit Gewichten, ein Rahmen mit einem Sinn- oder Bibelspruch, eine Kleiderleiste — das war der ganze Wandschmuck. Wenn es gut ging, hing vor dem Bett der Hauseltern von der Decke herunter ein langer Vorhang, hinter dem sie die wohlverdiente Nachtruhe fanden.

Das einzige Licht, das in die meist große Stube fiel, kam durch zwei, manchma! auch drei nicht allzu große Fenster an der Vorderseite des Hauses.

Zum oberen Stockwerk führte eine Holztreppe zu­nächst auf den „Gang“: Die Treppe war seitlich durch ein Holzgeländer oder die „Trallje“ mit dem „Handlaaf“ geschützt. Vom Gang aus ging es in die Schlafstube der Kinder. Für sie die nötigen Betten, ein Kleiderschrank, Tisch und Stuhl, vielleicht noch ein Ofen waren das gesamte Inventar. Dann ging vom Gang aus eine weitere Tür in eine Kammer, meist ohne Fenster, von der aus man in die „Herb oder Hirb “ (Räucherkammer) langen konnte. Der Schorn­stein, der in der Decke der Küche begann, unten offen und etwas erweitert war, bildete diese Räucherkam­mer. In ihr hing an Holzstäben das Räuchergut. Es wurde den ganzen Winter über von dem Rauch des Holzfeuers im Herd und Ofen, der hier zusammen­kam, bestrichen und so zu recht lange haltbarer Ware geräuchert. Ein Fenster an der Vorderfront des Hau­ses für den Gang, zwei für die Schlafstube der Kinder gaben das Licht in diese Räume. Vom Gang aus an der Wand nach der Scheune hin führte eine Treppe hoch zum Speicher, der „Binn“. Hier war auch der Platz für die Frucht und allerlei wenig gebrauchte Kleider und Hausrat. Von der Scheune aus hatten die Katzen des Hauses über den „Katzenbalken“ immer freien Zugang zur Binn, um das Mäusevolk, das sich im Winter einen „Platz an der Sonne“ suchte, eini­germaßen im Schach zu halten.

Gleich neben im Ern, bzw. der Küche war die Tür zum Stall, der quer durch das ganze Gebäude reichte. Außer einer Tür zum Hof, die im Winter dicht ge­macht wurde, hatte er vorn und hinten je ein kleines Stallfenster. Es war ein recht düsterer Raum, in dem in langer Reihe mit dem Kopf zur Wand den ganzen Winter über Milchkühe, Rinder, „Oose“ und Kälber standen. Außerdem hing in einer Ecke der Vorderseite unter der Decke wie ein großer Käfig oft noch die Be­hausung für das Federvieh. Vom hinteren Teil des Stalles aus führte eine Tür in den Schweinestall, der meist zwischen Küche und Außenwand im „Nirrer-loaß oder Oules“ lag. An dieser Außenwand war dann unter dem auslaufenden Strohdach noch Platz für ein kleines Fensterchen, damit auch in den Schweinestall noch etwas Licht und Luft kamen.

Von der Vorderseite des Viehstalles aus führte eine Tür zur „Schauer“ in der Heu und Stroh lagerten. Später kamen vielleicht noch eine Häckselmaschine und Fegemühle hinzu. Draußen neben der Scheune befand sich unter dem gleichen Dach der Holzschup­pen, der nicht klein sein durfte, denn Brenn- und Backholz nahmen viel Raum in Anspruch. Hier stand denn auch die Schnitzbank, mit deren Hilfe Rechen, Leitern, Stiele und viele andere Dinge, auch kleinere Möbelstücke, vom Bauern selbst angefertigt wurden. Wurde ein größeres Möbelstück, etwa eine Bettstelle oder Schrank gebraucht, kam der Schreiner mit Hobelbank und allen Werkzeugen ins Haus.

Sicher hat das Westerwaldhaus mit dem Wetterdach seine Entwicklung gehabt. Vom frühen Blockhaus bis zum geschilderten Typ, dessen Reste nach dem Zwei­ten Weltkrieg bis auf wenige Scheunen gänzlich ver­schwanden, war sicher ein langer Weg. Doch konnte es modernem Wohnen, hygienischen Ansprüchen, so­wie neuzeitlich betriebener Landwirtschaft in keiner Weise mehr gerecht werden. Außerdem wurden die Strohdächer nach immer wieder entstehenden großen Brandkatastrophen behördlicherseits kurzerhand ver­boten.

Als nämlich im 17. und 18. Jahrhundert die großen und verheerenden Dorfbrände das Nassauer Land heimsuchten, drängte die Landesregierung immer hef­tiger, doch nur mit langsam sich durchsetzendem Er­folg auf die Beseitigung der Strohdächer. In keinem anderen Jahrhundert vorher oder nachher ist es zu einer solchen Häufung von unbeabsichtigten Groß­bränden gekommen. Unsere Ortschaften waren ursprünglich als locker angelegte, d. h. etwas ausein­andergezogenen Kleinsiedlungen entstanden. Mit zu­nehmender Bevölkerung baute man jeden freien Platz zwischen den Häusern zu. So entwickelte sich bis zum 18. Jahrhundert das Durcheinander des engen Hau­fendorfes mit oft eng zusammenstehenden Gebäuden. Da auch noch die Wände aus einem Balkengefüge mit Stroh-, Lehm- und Reisiggefachen hergestellt waren, konnten nun, zumal bei den einfachen Feuerlöschein­richtungen der damaligen Zeit, die Flammen sehr leicht von einem Haus zum anderen übergreifen.

Die nachfolgende Chronologie bringt eine Auswahl von Anordnungen aus der Nassau- Dillenburgischen Vergangenheit, welche die Stroh- und Steindächer be­treffen.

1561, Erlaß:

In allen Städten sollen die Strohdächer abgeschafft werden. Die Dörfer sollen große werkene Tücher (Grobleinen), um sie bei Bränden naß auf die Stroh­dächer legen zu können, bereit halten.

 

1586, den 18. Aug. Erlaß:

In jedem Dorf soll sich eine gewisse Anzahl von leder­nen Eimern, Feuerhaken, Brandleitern und Wasser-Kümpfen (Brandweiher) befinden.

 

1725, den 9. April, Erlaß:

Alle Strohdächer in der Stadt Dillenburg sind binnen 14 Tagen mit Ziegeln oder Schiefer zu decken, (wohl ein undurchführbarer Befehl)

 

1774, den 26. Nov.:

Einrichtung der Brandversicherung. Alle Gebäude, ohne Ausnahme, müssen versichert sein.

 

1779, den 1. Mai:

Es wird verboten, alte Strohdächer wieder mit Stroh zu reparieren.

 

1780, den 9. Okt. Erlaß:

Alle neu zu errichtenden Gebäude sollen künftig un­weigerlich mit Ziegeln oder Schiefer gedeckt, auf dem Lande dagegen zumindest mit Lehmschindeldächern versehen werden.

(Aus Heimatblättern der Dill-Zeitung Nr. 6—7/79 von Otto Immel).